Der Jura-Endgegner: Die Examenswochen

Bis zum Morgen der ersten Examensprüfung war ich mir eigentlich sicher, dass dieser Moment niemals kommen würde: Der Kampf gegen den unsäglichen Endgegner: das Examen! 1,5 Jahre wurde dieser Gegner so unfassbar groß gemacht und mit Angst und Panik gefüttert, dass ich mir nicht vorstellen konnte, dass ich dem in irgendeiner Weise gewachsen sein könnte, bzw. letztendlich habe ich wohl angenommen, dass das gar nicht real passieren konnte, dieses Staatsexamen. Ich hatte mich immer in Sicherheit gewähnt, dass das alles ja noch ziemlich weit weg sei.

Der Examens-Endgegner

Die Examenszeit ist ein Tabu-Thema

Am Wochenende vor der ersten Prüfung fiel uns dann allen auf, dass das eigentlich gar nicht der Wahrheit entspricht. Dieses Examen ist real. Es steht vor der Tür und irgendwie mussten wir da wohl jetzt durch.

Es wurden viele Müsliriegel, Traubenzucker, Kugelschreiber, Tipp-Ex (Ich hatte zwei (!) pro Klausur eingeplant) und sogar echtes Wasser aus dem Supermarkt gekauft (Für dieses Examen schien mir das Wasser aus der Leitung nicht angemessen zu sein.).

Mir fiel auf, dass eigentlich niemand über die Zeit während des Examens spricht. Dem bin ich dann etwas auf den Grund gegangen – das hätte ich nicht tun sollen. Eigentlich war ich danach sicher, dass ich das nicht überleben würde. Mir wurde berichtet, dass mich die Klausuren so fertig machen würden, dass ich danach eigentlich nur noch schlafen könne, dass ich am Ende keine Kraft mehr zum Schreiben haben würde und dass ich vermutlich die meiste Zeit heulend verbringen würde. Ich ging also ziemlich verängstigt in die Examenswoche – die vermeintlich wichtigste Woche meines bisherigen Lebens – hinein.

Am Tag vor der ersten Prüfung mussten wir uns alle im Audimax einfinden, um unsere Sitznummern abzuholen und den Saal zu erfahren, in dem wir schreiben würden. Als letzte Bitte ermahnte uns die Dame vom Prüfungsamt, dass wir bitte unsere Sektflaschen nach der letzten Klausur vor dem Gericht entfernen sollten – Als ob dieser Moment eintreffen wird, und als ob ich daran denken werde – dachte ich.

Am letzten Abend saßen wir zu viert in meiner Wohnung und versuchten uns auf eine Serie zu konzentrieren. In regelmäßigen Abständen entfuhr einem von uns ein aufgeregter Schnauber oder ein panischer Lachanfall. Wir hatten den Deal verabredet, dass nicht über das Examen gesprochen werden durfte. Das galt übrigens auch für die Zeit nach den Klausuren: Wer über inhaltliches redet würde aus dem Freundeskreis verstoßen werden. Klingt hart, erschien aber fair! Gegen 21:00 Uhr wurde sich verabschiedet und jeder bereitete sich noch einmal mental auf die kommenden Tage vor.

Meine Mutter bot an, mich am Tag der Klausur anzurufen, dass ich auch wirklich nicht verschlafen würde. Das war natürlich überflüssig, weil ich deutlich vor dem Wecker kerzengerade im Bett saß.

Jetzt konnte ich endlich glauben, dass es losging. Und ich war überrascht, was das auslöste: Natürlich, Panik war vorhanden, das haben wir ja von tausend Jurastudenten vor uns vorgelebt bekommen, aber ich war vor allem erleichtert, dass es jetzt endlich losging und somit auch endlich bald vorbei sein würde!

Jetzt erfolgreich in die Examensvorbereitung starten

Individuell und persönlich auf Dich zugeschnitten!

  • Analyse deiner Schwächen
  • Planung Deiner Examensvorbereitung
  • Umsetzung und gemeinsamer Start

Im Gerichtssaal

Die Atmosphäre in dem Saal im Gericht war überraschend locker. Die Aufsichtspersonen waren nicht die grauen Herren meiner Vorstellung, die mit Adleraugen jeden Schritt verfolgten, sondern nette ältere Herrschaften, die strickend oder lesend an ihrem Tischchen saßen. 

Als der Sachverhalt ausgeteilt war und es endlich losging zitterten mir natürlich ziemlich die Hände. Das besserte sich leider bei dieser ersten Klausur auch nicht deutlich. Denn ich hatte relativ wenig Ahnung, was hier von mir verlangt wurde. Das Zittern wurde zu Panik und dann irgendwann zu einem verzweifelten Versuch, alles was möglich ist heraus zu holen.

Nach der Klausur traf ich meine beste Freundin vor der Tür. Ein Blick genügte, um meine Laune etwas zu bessern: „geil, ich bin gerade durchs Staatsexamen gefallen“ – „geil, ich auch.“ Dann ging es dekadent Pizza-Essen und es wurde so wenig wie möglich über Jura geredet, ganz lässt es sich natürlich nicht vermeiden. Aber letztendlich musste niemand aus dem Freundeskreis verbannt werden.

Der nächste Tag war frei. Und ich schäme mich zu sagen, dass ich diese Zeit fast genossen habe. Während der Klausurenzeit wurde natürlich nicht gelernt, das war auch Teil des Deals. Sodass ich auf einmal Zeit hatte, unter der Woche frühstücken zu gehen, Kaffee zu trinken und in der Sonne zu sitzen. Dinge, die ich schon ziemlich lange nicht mehr getan hatte.

„Freitags sind wir sogar losgezogen, natürlich verhalten, aber ein bis drei Bier konnte man sich hiernach schon einmal genehmigen.“

Vor der zweiten Klausur hatte ich nach dieser gefühlten Voll-Katastrophe natürlich trotzdem schreckliche Angst. Aber jetzt wusste man, was einen erwarten würde. Man musste fünf Stunden durchhalten, das hatte man immerhin vorher jeden Samstag geschafft, das würde man auch jetzt schaffen. Die zweite und dritte Klausur liefen deutlich besser. Bekannte Probleme, die man nach dem gelernten Schema runterschreiben konnte. Natürlich mit einigen Kniffen, aber ich hatte zumindest nicht das Gefühl, dass die letzten 1,5 Jahre verschwendete Zeit waren, so wie etwa bei der ersten Klausur.

Freitags sind wir sogar losgezogen, natürlich verhalten, aber ein bis drei Bier konnte man sich hiernach schon einmal genehmigen. Am Wochenende habe ich dann anhand von Karteikarten versucht, mich in das neue Rechtsgebiet (Öffentliches Recht) ein zu denken. Das hat natürlich nicht geklappt, weshalb ich mit meinem Team lieber zum entscheidenden Saison-Auswärtsspiel gefahren bin. Ablenkung tut schließlich gut.

In den Klausuren im öffentlichen Recht kam all das dran, von dem ich mir erhofft hatte, darum herum zu kommen. Aber dank der ganzen Samstags-Klausuren hatte man ja einigermaßen gelernt auch mit unliebsamen Themen umzugehen.

Nach jeder Klausur sind wir essen gegangen, haben ein Bier getrunken und dann den ganzen Nachmittag gefaulenzt. Ich habe diese Zeit also eigentlich gar nicht wie den Kampf gegen einen End-gegner wahrgenommen. Vielmehr hatte ich das Gefühl, diesen Kampf innerhalb der letzten 1,5 Jahre geführt zu haben und jetzt noch einmal einen kleinen Kraftakt hinlegen zu müssen bevor es endlich vorbei war.

Dementsprechend war auch meine Stimmung vor der letzten Klausur. Strafrecht. Ich war beim Austeilen des Sachverhalts mit dem Kopf eigentlich schon bei den Sektflaschen, die ich zum Leidwesen der Dame des Prüfungsamtes nicht wegräumen würde. Aber der nette Herr hinter der Zeitung, der uns beaufsichtigte, feuerte uns noch einmal zu einem Endspurt an. Und so wurde es dann auch getan. Ich habe mich komplett in der Zeit vertan und musste mir am Ende die Finger gefühlt blutig schreiben, um irgendwie zu einem Ende zu kommen.

Aber dann war es so weit. „Stifte weg- Klausur abgeben“

WIR WAREN FREI!

Das Glücksgefühl, das ich in dem Moment verspürt habe, war deutlich größer als der Gram über die ganzen Fehler, die mir bis dahin schon in meinen Klausuren aufgefallen waren.

Ich schnappte meine beste Freundin und nach einem geräuschvollen Freudenausbruch verließen wir das Gericht und wurden von einer ausgelassenen Menge gefeiert, die alle da waren, um ihre Freunde abzuholen und mit ihnen das Bezwingen des Endgegners zu feiern!

Wir haben mehr als eine Flasche Sekt geköpft, und eine oder zwei habe ich sogar weggeräumt.

Judith Maurer schreibt für campushelfer

Hier schreibt Judith

Judith ist campushelfer-Dozentin, hat in Freiburg studiert und absolviert derzeit ihr Referendariat in Hamburg. Sie bloggt regelmäßig zu Themen rund um das Jura-Studium.

▶ Alle Beiträge von Judith

campushelfer - Deine individuelle Jura-Nachhilfe

Maennchen zum Jura Staatsexamen campushelfer bietet individuelle Jura-Nachhilfe und Examensvorbereitung vor Ort
und Online. Vom 1. Semester bis zum Staatsexamen helfen wir unseren Kunden
bessere Noten zu schreiben und den Spaß am Jura-Studium wieder zu finden. Wir bieten Dir einen attraktiven Nebenjob im Referendariat oder in der Promotion. Du hast Fragen, wie eine Nebentätigkeit als Referendarin oder Referendar bei campushelfer ausschaut? Dann schreib uns einfach eine Email an mail@campushelfer.de

▶ Erfahre mehr über uns!